Fabian Franke

Journalist

Da wächst kein Kraut mehr

Jeden Tag werden in Deutschland 84 Fußballfelder Fläche zur Bebauung freigegeben, Teile davon unter Beton versiegelt. In einem Dorf in Oberbayern kämpft eine Bürgerinitiative gegen ein Gewerbegebiet. Es ist ein Kampf um die Natur – und er spaltet die Gemeinde.

Werner Fischer ist zum Duell angetreten. Breitbeinig steht er im stickigen Gemeindesaal, die Daumen in die Taschen seiner Bluejeans gesteckt. Sie wird von einem Gürtel mit runder Schnalle gehalten, auf die der Schädel eines Rindes geprägt ist. Eigentlich wollte er auch seine Che Guevara-Barett aufziehen, fand es dann aber doch zu provokant. Nun glänzt sein kahler Kopf in der Hitze, die an diesem Sonntagabend in das Gemeindehaus von Mittelstetten quillt.

Fischer ist aufgekratzt, tänzelt umher, knufft hier und da einen Bekannten. Monatelang hat er auf diesen Moment hingearbeitet. „So aufgeregt war ich zuletzt beim Abitur“, sagt er. Ein paar der zwei Dutzend Anwesenden lachen.

Auf der anderen Seite des Raumes steht Andreas Spörl, Bürgermeister der Gemeinde Mittelstetten, 1.686 Einwohner, Landkreis Fürstenfeldbruck. Er hat das Handy am Ohr, sein schwarzes Jackett wirkt sportlich modern, auch seine Uhr, seine enge Jeans, seine schwarzen Lackschuhe – ein Macher Mitte Vierzig. Ab und an wischt er sich mit dem Zeigefinger etwas Schweiß von der Stirn, der aus kurzen Haaren auf sein rundliches Gesicht rinnt. Auch für ihn sind es aufregende Tage. Er gibt das nicht gern zu, sagt: „Die Kommunalwahl war aufregender.“ Aber wenn ihn die Süddeutsche Zeitung oder der Bayerische Rundfunk vor dem Gemeindehaus interviewt, versucht er, seine springenden Augen einzufangen und die Hände an den Hosentaschen zu verankern.

Kurz nach sechs kippen zwei Wahlhelfer die Urne aus Sperrholz um. 549 Stimmzettel ergießen sich über den Tisch, werden von den Wahlhelfern zu sich herangezogen: Erwin, Michi, Magda – hier im Dorf kennt jeder jeden, alle duzen sich, egal wie alt. Seit zehn Stunden haben sie Stimmzettel entgegengenommen, die Frage war:

„Für oder gegen ein neues Gewerbegebiet in Mittelstetten?“ Kein Wenn und Aber.

Die Wahlhelfer türmen die Nein- und Ja-Stimmen auf, die anderen mäandern um sie herum und versuchen aus der Höhe der Stapel ein Ergebnis abzulesen. In ein paar Minuten wird Werner Fischer wissen, ob das Bürgerbegehren, das er und Mitstreiter angestoßen haben, schützen kann, was in ihren Augen geschützt werden muss: eine Wiese.

Oder ob sich diejenigen durchsetzen, die ein Gewerbegebiet am Ortseingang wollen, allen voran Bürgermeister Andreas Spörl. Es ist ein Duell zwischen ihm und Fischer, zwischen der Gemeinderatsmehrheit der CSU und einer Bürgerinitiative, die erst vier Monate alt ist.

Zwischen den einen, die sagen „Geld brauchma“ und den anderen, die sagen „genug hamma“. Zwischen „Wirtschaft fördern“ und „Natur bewahren“.

Kommt das Gewerbegebiet, würde Mittelstetten Teil einer Statistik werden, die gerade für Aufregung sorgt. In Bayern werden jeden Tag zehn Hektar als Siedlungs- und Verkehrsfläche ausgewiesen, das entspricht der Fläche von 14 Fußballfeldern. In keinem Bundesland sind es mehr. Etwa die Hälfte dieser Fläche bietet für Regen und Pflanzen auch weiterhin ein Durchkommen: Grünanlagen, Sportplätze, Schotterwege. Die andere Hälfte verschwindet für immer unter Straßen, Wohnhäusern, Parkplätzen – und Gewerbegebieten. Die versiegelten Flächen heizen sich schneller auf, die Gefahr von Überschwemmungen steigt. Zudem bleibt weniger Platz für Landwirtschaft, Tiere, unberührte Natur.

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Fotograf: Malte Uchtmann

 

Hinter der Geschichte
Täglich die Fläche von 84 Fußballfeldern, die zur Bebauung freigegeben werden – bei einer stagnierenden Bevökerungszahl. Ich habe mich gefragt: Wieso wird noch gebaut? Was wird gebaut? Wer baut? Und wer wehrt sich dagegen? Zusammen mit Fotograf Malte Uchtmann fuhr ich für eine Woche nach Mittelstetten, wir gingen von Haustür zu Haustür, schliefen im Auto und versuchten, dem „Kampf um die Natur“ der Bürgerinitiative nah zu kommen. Entstanden ist diese Reportage.

Flächenverbrauch in Grafiken

Wird Deutschland bald im Beton versinken? Nein, der Anstieg des täglichen Neuverbrauchs verringert sich leicht. Und trotzdem: im Vergleich zur stagnierenden Bevölkerungszahl ist der Flächenverbrauch enorm.

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Das GO-Magazin

Das GO-Magazin ist das Abschlussmagazin der Zeitenspiegel Reportageschule. Im 13. Jahrgang 2017/2018 hat es sich mit dem 70. Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte befasst und dazu dreizehn Rechte gesucht, die es in der Charta nicht gibt – aber vielleicht geben könnte.

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